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ASPO Leserbrief an P.T. Magazin
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Öl für immer?

Leserbrief zum Artikel "Die Legende von Peak Oil - warum das Erdöl nicht alle wird", P.T. Magazin im Mai 2009

Prof. Dr. W. Blendinger, Lehrstuhl Erdölgeologie TU Clausthal
Prof. Dr.-Ing. H.-J. Selenz Honorarprofessor Institut für Werkstoffkunde Universität Hannover
Prof. Dr. K. Bitzer Abteilung Geologie Universität Bayreuth

Bei dem Artikel “Die Legende von Peak Oil” von Ullrich Rothe in der Ausgabe vom 11. Mai 2009 handelt es sich um eine grobe Verdrehung von Tatsachen. Die Aussagen des Artikels halten einer objektiven Prüfung nicht stand. Im Interesse einer sachlichen Information der Leser des PT-Magazins zu diesem eminent wichtigen Thema halten wir es für dringend geboten, die Darstellung von Herrn Rothe zu korrigieren.

1. Die Legende von “Peak Oil”

Das als „Peak Oil“ bezeichnete Auftreten eines Erdöl-Fördermaximums wurde von dem amerikanischen Erdölgeologen M. King Hubbert im Jahr 1956 definiert. Hubbert berechnete den “Peak” für die USA ziemlich exakt für das Jahr 1970. Seine Prognose bezog sich allein auf die USA und nicht auf die gesamte Welt, wie der Artikel fälschlicherweise suggeriert. Dass die weltweite Ölförderung nach 1970 weiter zunahm widerspricht der Aussage Hubberts daher in keiner Weise, es zeigt lediglich, dass in anderen Ländern die Ölförderung vorerst noch weiter ausgebaut werden konnte. Leider unterliegen auch diese Länder dem “Peak Oil” Phänomen!

“Peak Oil” besagt, dass die Förderung einer begrenzten Ressource zunächst eine Zunahme, dann ein Maximum und darauf folgend eine Abnahme durchläuft. Dieser Verlauf ist in der Endlichkeit der Ressource begründet und lässt sich auch durch zunehmenden Kapitaleinsatz nicht verhindern. Es besteht lediglich die Möglichkeit, den Produktionsverlauf so zu gestalten, dass es zu einem flachen “Peak” kommt, oder bei schneller Produktionssteigerung, zu einem steilen “peak”. Dieser Förderverlauf ist bei allen endlichen Ressourcen gleichermaßen zu beobachten, egal ob es sich um Kohle, Erdöl oder Uran handelt. Die Endlichkeit der Ressource ist der springende Punkt. “Peak Oil” ist keine “Theorie” oder “Legende” von irgendwelchen “Ideologen”, von Miesepetern oder durchgeknallten Wissenschaftlern, wie Herr Rothe zu suggerieren bemüht ist, sondern ein einfach zu erklärendes Phänomen, das so trivial ist wie der tägliche Sonnenaufgang und –untergang.

2. Lotterie der Alarmisten

Herr Rothe macht es sich sehr einfach, Prognosen von sogenannten “Alarmisten” pauschal zu verunglimpfen. Prognosen und Berechnungen sind angesichts der unzuverlässigen Datenbasis über Ölvorkommen unvermeidlicherweise fehlerbehaftet; der von Herrn Rothe gezogene Umkehrschluss, dass das errechnete Datum von “Peak Oil” nie stattfindet, ist jedoch unsinnig. Es ist bezeichnend für die inhaltlichen Verkürzungen seines Artikels, dass er die sehr unterschiedlichen Arten von Öl in einen Topf wirft. Es werden in der Erdölgeologie folgende Unterscheidungen getroffen:

Ölart Eigenschaften
konventionelles Öl dünnflüssig, leicht förderbar an Land und in Wassertiefen von <500m
Schweröl dickflüssig, deswegen schwerer förderbar als konventionelles Öl
Teersand wie Teer, kann nur mit hohem Energie-, Wasser- und Wasserstoffeinsatz zu Öl synthetisiert werden
“Ölschiefer” enthält kein Öl, sondern Kerogen, durch hohen Energieeinsatz verschwelbar
Tiefseeöl, Polaröl Unterschiedliche Konsistenz, aber schwer zu erreichen

“Peak Oil” für das leicht förderbare, konventionelle Öl hat bereits im Jahre 2005 stattgefunden. Das ist den Statistiken von IEA und EIA zu entnehmen. Diese “regierungsamtlichen” Quellen fehlen aber leider völlig im Artikel von Ullrich Rothe. Sie sind ebenfalls kein Teufelsblendwerk von Alarmisten. Dass dieser “Peak” in der Öffentlichkeit nicht als lauter Knall wahrgenommen wurde, ist nicht verwunderlich, denn erstens ist nach dem “Peak” nicht plötzlich Schluss mit der Ölförderung, sondern die Fördermenge nimmt einfach nur langsam ab und nicht mehr zu. Zweitens wurden wegen des relativ lange steigenden Ölpreises in zunehmendem Maße unkonventionelle Erdöl-Vorkommen in Produktion genommen. Deren Gesamtmenge war zwar nie sonderlich hoch, hat aber dazu geführt, dass von 2005 bis 2008 ein undulierendes “Plateau” der Gesamt-Ölförderung erreicht wurde und somit die abnehmende konventionelle Ölförderung ausgeglichen wurde. Seit 2008 nimmt nun auch die Gesamtmenge ab.

3. Jedes Jahr mehr Öl

Leider ist diese Behauptung pure Demagogie. Der Autor macht auch hier keine Angaben, die seine unsinnige Behauptung stützen könnten: ein paar Informationen dazu, wieviel, wo und wann Ölvorkommen - in nennenswertem Umfang - im letzten Jahrzehnt neu entdeckt wurden, wären da hilfreich. Die von Rothe angeführten “Elefanten” gehören ausnahmslos in die Kategorie des nicht-konventionellen Öls. Ihre Größe ist heute nur ungefähr abschätzbar, und sie sind zudem alle nur sehr langfristig und teuer zu entwickeln. Dass dieses teure Öl, selbst wenn es denn gefördert werden könnte, kaum jemals ein Ersatz für das heute noch vorherrschende “Billigöl” sein kann, verdeutlicht die jüngste Vergangenheit. Kaum bricht der Ölpreis ein, wie im Sommer letzten Jahres, werden im Eilverfahren alle diese teuren “Elefanten”-Entwicklungsprojekte auf Eis gelegt. Die Wirtschaft braucht hingegen billiges Öl. Wenn der Erdöl-Preis die Schwelle von etwa 60 Dollar pro Fass übersteigt, werden zwar unkonventionelle Lagerstätten in Angriff genommen, aber gleichzeitig bricht die Nachfrage aufgrund des Preisanstiegs weg, was wiederum dazu führt, dass alle unkonventionellen „Hoffnungsträger” nicht mehr ökonomisch sind. Das legt den Schluss nahe, dass diese angeblich schier unbegrenzten Vorkommen (Teersande, “Ölschiefer”, Tiefseeöl, Öl aus den Polargebieten) keine nennenswerte Rolle spielen werden. BP hat übrigens den zitierten „Reservenzuwachs“ nicht durch Neufunde, sondern durch Zukauf erworben – dies wird nicht einmal die zitierte Pressereferentin bestreiten können.

4. Die Ungereimtheiten

Der Autor versucht in seinem Artikel den Eindruck zu erwecken, die konventionellen Modelle zur Entstehung von Erdöllagerstätten seien in das Reich der Fabel zu verweisen. In Wirklichkeit, so suggeriert er, sei die Ölentstehung eine Art Perpetuum Mobile, wobei die Öllagerstätten aus dem Erdinneren nicht nur primär genährt werden, sondern sich auch stetig wieder von selbst füllen.

Diese Theorie der abiotischen Ölentstehung wäre sicher eine attraktive Alternative zu den konventionellen Modellen, wenn sie sich denn bewahrheitet hätte. Doch waren bislang sämtliche Tests zur Bestätigung dieser Theorie erfolglos. Somit ist die konventionelle Theorie der Erdölentstehung bisher nicht widerlegt. Die angeblich aus dem Erdinneren stetig nachgefüllten Lagerstätten – allesamt wenige Ausnahmen von der Regel – sind leicht durch hydraulische Kommunikation mit anderen ölführenden Schichten derselben Lagerstätte zu erklären. Im Übrigen geht auch Russland im Rahmen der Erkundung und Entwicklung seiner Öllagerstätten nach der konventionellen Methode vor und war maßgeblich an der Entwicklung dieser Methode beteiligt. Die aus Russland stammende Lopatin-Methode gehört zum Standardwerkzeug aller Erdölgeologen.

5. Grüne Ideologie

Der Autor suggeriert, Ideologien seien verantwortlich für den seiner Meinung nach falschen Umgang mit naturwissenschaftlichen Theorien zur Ölentstehung. Er verkennt damit, dass in unserer “freien” Wirtschaft einzig der kommerzielle Erfolg zählt und nicht grüne, braune oder gelbe Ideologien. Der kommerzielle Erfolg basiert nun einmal – vielleicht leider – auf dem konventionellen Modell zur Ölentstehung. Wenn die Theorie der abiotischen Ölentstehung eine erfolgreiche Erdölgewinnung ermöglichen würde, dann hätte sie sich längst durchgesetzt. Der Druck auf die Erdölwirtschaft ist viel zu groß, als dass man dort eine derart wichtige Methode ignorieren könnte. Herr Rothe sollte beherzigen, dass in der Natur auftretende Phänomene gegen jegliche Ideologie immun sind.

Der Artikel “Die Legende von Peak Oil” stellt eine grob fahrlässige Verdrehung von leicht nachprüfbaren Fakten dar und zeigt leider erneut, dass selbst einfachste wissenschaftliche Fakten und Zusammenhänge leider oft nicht verstanden werden. Der reißerisch aufgemachte Artikel von Herrn Rothe kann nur zu falschen Eindrücken und vollkommen unberechtigten Hoffnungen der Leser des PT-Magazins führen. Angesichts der Qualität anderer Artikel des PT-Magazins gehen wir davon aus, dass sich die Redaktion mit Fakten in objektiver und sachgerechter Weise auseinandersetzt und bereit ist, irreführende bzw. nachweisbar falsche Informationen richtig zu stellen.

Die Sorge um die Zukunft bewegt viele Menschen. Den Versuch einer kurzzeitigen Stimmungsaufhellung erkauft Herr Rothe mit dem Wecken falscher Hoffnungen. Das Thema der künftigen Erdöl- und Energieverfügbarkeit ist hierfür zu wichtig. Die Verfasser des vorliegenden Beitrags legen Wert auf die Feststellung, dass sie einem Verein angehören (ASPO Deutschland, Association for the Study of Peak Oil Deutschland e.V.), der durch keinerlei wirtschaftliche Interessengruppen finanziell unterstützt wird.

 

 

 

 

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